Ansprache von Marion Warden zum Totengedenken anlässlich des Titularfestes

Mein morgendlicher Gruß gilt natürlich Dir, lieber Thomas Hummelsbeck als Chef und amtierenden Regimentskönig und ganz besonders herzlich dem hier angetretenen Regiment mit seinen verschiedenen Kompanien!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ganz persönlich an einem solchen Morgen geht, an dem wir angetreten sind, dass neue Schützenjahr zu begrüßen.
Angetreten sind, unserer Toten zu gedenken und angetreten sind zu Ehren des Schutzpatrons, dem Hl. Sebastianus.

Ist es nicht manchmal schwierig, beim Anblick des Ehrenmales hier in Lörick, tatsächlich an Krieg, Verwundung, Gefangenschaft und Tod zu denken? Zu erspüren, wie es den Menschen ergangen ist, die ihr Leben gelassen haben? Darüber nachzudenken, dass sie ein genauso normales Leben hatten, wie wir es im hier und jetzt leben können? Ein Leben mit Lachen, Freude und Trauer? Mit Hoffnungen, Wünschen oder manchmal auch Ärger und traurigen Erlebnissen? Ein Leben mit Freunden, Familie, Arbeitskollegen? Können wir aus unserer heutigen Sicht das Leid, die Verelendung, die Qualen und die Folter nachempfinden, die Menschen, gewaltsam herausgerissen aus dem normalen Leben, erleiden mussten? Wollen wir diese Gedanken oder Gefühle überhaupt zulassen? Sind wir vielleicht erleichtert, dass es uns nicht betrifft? Sind wir mit unseren Gedanken schon auf dem Weg zur Kirche, freuen uns auf den Nachmittag, der vielleicht der Familie gehört ?

Mir fällt es jedenfalls nicht leicht, mir das alles vorzustellen und diese fast schon ohnmächtige Wut und das Entsetzen darüber, was Menschen anderen Menschen anzutun vermögen, an mich heranzulassen. Und dann kommt auch die Sorge, kann so etwas Schreckliches auch bei und geschehen? Erkenne ich rechtzeitig die Warnsignale? Was würde ich machen?

Im vergangenen Jahr gedachten wir des Beginns des 1. Weltkrieges 1914, in diesem Jahr erinnern wir uns schmerzlich an das Ende des 2. Weltkrieges und in diesen Tagen besonders an die Befreiung von Auschwitz. Wir sehen in den Medien diese furchtbaren schwarz-weiß Aufnahmen von ausgemergelten und geschundenen Leichen- riesige, völlig unwirklich Berge von Knochen, nackten Körpern – und daneben die Aufnahmen der fein säuberlich dokumentierten und erfassten Besitztümer dieser Menschen. Eine absurde, wirtschaftliche Korrektheit.

Wir könnten unsere Augen, unsere Ohren und Sinne verschließen und sagen: Der Krieg ist 70 Jahre her! Das gibt es nicht mehr! Hört auf damit – wir wollen davon nichts mehr hören! Aber wohin würde uns das führen? Dieser Weg führt doch nur in die Sackgasse des Verdrängens.

Stattdessen stellen wir uns der Auseinandersetzung. Fragen nach den Tätern, sprechen über die vielen großen und kleinen Mitläufer, die Verfolger, die Profiteure. Wir suchen nach den Ursachen und nach den menschlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, dieser so schwer zu begreifenden Menschheitsverbrechen.

Unsere heutige Freiheit ist nicht selbstverständlich und unsere Freiheitsrechte sind ein verfassungsrechtlich geschütztes, sehr kostbares Gut. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Unverletzlichkeit der Wohnung, Religions – und Versammlungsfreiheit, um einige der Wichtigsten zu nennen. Diese Rechte sind der Garant für unser demokratisches System und damit für den Frieden, in dem wir seit 70 Jahren in unserem Land leben dürfen.
Wie wenig selbstverständlich ein friedliches Zusammenleben ist, sehen wir an vielen Stellen unserer Erde: Syrien, Irak und der sogenannte „Islamische Staat“; die Ukraine – noch in Europa – der Sudan, Nigeria und die islamistische Boko Haram, Somalia, der Kongo, Afghanistan, der Jemen und Libyen…..
In den letzten 70 Jahren starben unzählige Menschen in Kriegen, Bürgerkriegen, bei Terroranschlägen oder wurden Opfer politischer Verfolgung.
„Der terroristische Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris und die folgenden Geiselnahmen in einer Druckerei und in einem koscheren Supermarkt waren unmenschliche Akte des Hasses gegen die Freiheit und ein mörderisches Fanal des Antisemitismus. Menschen wurden ermordet, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnahmen, Polizisten ihren Dienst versehen haben oder weil sie jüdischen Glaubens waren“ – so hat es der Landtag NRW am vergangenen Mittwoch in einer von allen Parteien getragenen Resolution beschrieben.
Und so erheben sich gerade in diesen Tagen überall in Europa und auch in unserem Land und in unserer Stadt die Menschen und stehen für Freiheit und Demokratie!

Sie als St.Sebastianus-Schützenbruderschaft stehen in der Tradition ihres Schutzpatrons und legen so wie er es getan hat, ein Zeugnis für unsere Freiheit ab.
Sie nehmen die Menschen in ihre Mitte, geben Ihnen einen festen Platz im Leben, vermitteln Zugehörigkeit, Freundschaft und Werte.

Und wir alle stehen heute hier, im Gedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg. Und solange wir an sie denken, sind sie nicht vergessen und mahnen uns, immer wieder den Blick auf die Geschehnisse der Gegenwart zu richten.

Schließen möchte ich mit einem Wort von Ralpf Waldo Emerson:
Wir mögen die Welt durchreisen, um das Schöne, den Frieden zu finden, müssen wir es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.

In diesem Sinne, einen guten Tag uns allen!

Marion Warden